CORONA: Einsinghilfe für zuhause

Da jetzt keine Chorprobe stattfinden kann und die Stimme bei Nichtgebrauch verkümmert, sollte man doch zumindest zu Hause regelmässig das Mindeste tun, um nach der Krise sofort wieder "in Stimme und Stimmung" zu sein.

Bei den Klangbeispielen bin ich recht hoch und tief gegangen. Bitte nicht forcieren! Hört auf, bevor es anstrengend wird.

1.Dehnungen, Lockerungen usw.

Genauso wie eine Stimmgabel ohne Resonanzkörper nicht hörbar ist, sind unsere Stimmbänder ohne optimale Mitwirkung des Körpers kaum hörbar. Die Vibrationen der Stimmbänder werden sowohl durch Hohlräume wie durch Knochen-Vibrationen verstärkt, lauter und erhalten den typischen, individueller Stimmklang. Ein guter Sänger spürt die Übermittlung der Vibrationen nach unten bis in die Fusssohle, nach oben bis in die Schädeldecke. Damit dies gelingt, müssen unsere Muskeln weder überspannt sein (weil sie dann die Vibrationen dämpfen), noch schlapp sein (weil dann die Körperhaltung darunter leidet). Dies ist ein Grund, warum das Einsingen mit «gymnastischen» Übungen beginnt, die dazu dienen, die Körperflexibilität zu erhalten und zu fördern.

Der zweite Grund liegt in der Atemtätigkeit. Funktioniert diese nur eingeschränkt, wird mit der Kehle kompensiert. Letztere ist aber das schwächste Glied in der Stimmproduktion: Die Stimmbänder sind maximal 13-20 mm lang und ca. 2 mm dick. Sie bilden bei unsachgemässer Benützung «Muskelhaut-Risse», woraus Muskelgewebe austritt: die berühmt-berüchtigten «Stimmband-Knötchen»!

2. Atmung

Es gibt 3 Niveaus der Atmung: Bauch- (oder abdominal-) Atmung, die Brust- (oder costale-) Atmung und die Schulter- (oder clavicular-) Atmung. Normalerweise benützen wir die 2 ersten Atmungsarten tagtäglich, weil sie als «normale» Atmung gelten. Unter Stress oder Belastung hat man die Tendenz die Bauchatmung zu vernachlässigen. Beim Singen ist sie unabdingbar. Die Brustatmung gibt uns aber eine zusätzliche Reserve für lange Gesangslinien und muss deswegen auch funktionieren. Primär aber muss die Bauchatmung trainiert werden, damit sie auch in der Stress-Situation einer Aufführung automatisch läuft. Je tiefer der Impuls zum Ausatmen erfolgt (praktisch über die Blase und im ganzen Beckenbereich), desto «normaler» funktioniert das Zwerchfell. «Ksss-», «Pft-» und ähnliche Klänge fördern diese tiefe Atmung.

Bild

3. Summ- und ähnliche Klänge

Alle unsere Knochen und Hohlräume können zu einem besseren (lauteren) Klang beitragen. Am hörbarsten sind aber sicher die Resonanzen, die im Kopf entstehen. Sie werden unmittelbar an den umgebenden Raum weitergeleitet. Wichtig ist zu wissen, dass der Mundraum für die Aussprache verantwortlich ist (Bildung der Konsonanten durch Lippen, Zähne, Zunge und Gaumen – Bildung der Vokale durch die allgemeine Form, bzw. Position der Zunge und Rundung der Lippen), für den Klang im Allgemeinen ist aber die Resonanz des gesamten Kopfes zuständig. Ein guter Sänger spürt deswegen die Konsonanten bei den Lippen, die Vokale aber vor den Augen, weil sich dort in etwa die Mitte der beteiligten vibrierenden Knochen und Hohlräume befindet. Je «höher» der Ton, desto mehr sind die oberen Knochen angesprochen und desto höher empfindet man das Zentrum der Resonanzen. Bei einer lockeren Kehle geschieht das automatisch! Man kann es nicht «bewirken» - ES passiert und man muss es nur zulassen oder anregen. Eine Verstellung des Kopfes (bei hohen Tönen nach oben – bei tiefen Tönen nach unten schauen) stört die Lockerheit der Kehle, die dann ihre «natürliche» Arbeit nicht mehr vollbringen kann.

Summklänge, besonders «ng-« Klänge wecken und verstärken die Resonanz der vorderen Knochen und Hohlräume. Diese sind auch dafür verantwortlich, dass der Klang nicht in uns stecken bleibt, sondern in den Raum «geht». «ng» bringt auch die Resonanzen, die sich über dem Gaumen befinden, vermehrt in Schwingung und diese sind wichtig für die höheren Noten (Kopfresonanz). Ich empfehle, jeweils alle Summklänge (m, n und ng) zu berücksichtigen, aber auch vom «ng»-Klang zu einem offenen Vokal (z.B. «A») zu «gleiten», damit die Resonanzen, die über dem Gaumen beim «ng» angeregt sind, sich auf die Vokale übertragen.

Bild     Klangbeispiel

4. Übergang vom Summklang zum gesungenen Klang

Bild     Klangbeispiel

5. Klangerweiterung

Hier geht es in erster Linie um die «Erforschung» unseres Stimmumfanges. Ich schreibe bewusst nicht «trainieren» sondern «erforschen». Man soll spielerisch damit umgehen und nicht verkrampft versuchen, diesen Umfang zu erweitern. Jedes Verkrampfen ist eigentlich ein Rückschritt! Die Kraft, die man eventuell brauchen könnte (aber eher um lauter und nicht um höher zu singen), ist immer eine elastische Kraft, im Zusammenspiel zwischen dem Ausatmen vom Becken aus und dem Weit-Lassen des Brustkastens (als Resonanzraum). Da wir von Kindesbeinen an «verbildet» sind und hohe Töne irgendwo oben suchen (möglicherweise sogar mit Strecken des Halses) und dies zu einer abnormale Haltung (und dadurch zu einer Verkrampfung der Kehle) führt, ist es ratsam, spielerisch Gegenbewegungen einzubauen: Beim höchsten Ton eher in die Knie gehen, oder (wie ich es tue) so tun, als würde man beim Tennis ein tiefer Ball schlagen wollen. Zu Hause kann man auch Gegenstände aufheben, einen kleinen Ball nach unten werfen (aber erst beim höchsten Ton!) oder weitere Spiele erfinden. Diese Übungen sollen zuerst mit Schwung erfolgen; deswegen lasse ich Dreiklänge und nicht Tonleitern singen.

Bild     Klangbeispiel

6. Überdruck vermeiden

Ein Überdruck auf die Kehle ist schädlich. Um den Überdruck abzufangen, kann man auf «s» oder auf «w» oder noch auf «bbbbb» oder «rrrrr» singen (Motorrad-Spiel!) Dabei wird der Überdruck von den Lippen, von der Zunge (Zungen-«r») oder vom Gaumenzäpfchen (Gaumen-«r») abgefangen. Das Ziel dieser Übung sollte es sein, dass der Sänger erfährt, wie der leise Klang im Kopfraum zu empfinden ist, während der Konsonant («s», «w», «r») mit dem Mund gebildet wird – also sollte die Trennung der Ebenen Konsonant-Vokal bewusster werden.

Bild     Klangbeispiel

7. Tiefe

Auch wenn die Höhe wichtig ist, sollte man die Tiefe nicht vernachlässigen. (Es gibt einen schönen Spruch, der die Problematik ins Umgekehrte schildert: über einen schlechten Sänger wurde gesagt «wenn er in der Tiefe das hätte, was ihm in der Höhe fehlt, würde er eine tolle Mittellage haben»). Eine gesunde Stimme hat sowohl Höhe, wie Tiefe. Fehlt das eine, wird das andere früher oder später darunter leiden, weil die Entwicklung unnatürlich einseitig betrieben wird.

Bild     Klangbeispiel

8. Vokale

Die Vokale werden hauptsächlich durch die verschiedene Mischung der «Formanten» verursacht. Formanten sind eine Ansammlung von Obertönen, die durch Resonanz gebildet werden. Kompliziert? Gar nicht! Im Grunde genommen wird dadurch nur gesagt, dass man wenig mit dem Lippenring «arbeiten» muss, als allgemein angenommen. Oft genügt die Vorstellung des Klanges eines Vokales, damit wir ihn auch korrekt bilden. Beim Sprechen bewegen wir den Mund auch sehr wenig, um die Vokale abzuändern – beim Singen müsste es genau so einfach und locker gehen. Die zwei problematischsten Vokale sind die extremen («u» und «i»).

«U» darf, um gut zu klingen, nicht dumpf tönen und deswegen etwas «i»-Klang beinhalten. Man kann ihn auch erhellen, indem man dabei innerlich etwas lächelt, oder die Nasenflügel leicht breit hält (nichts übertreiben: es sieht sonst schrecklich aus!)

«I» darf man nicht «einklemmen» («Breitmaul-Frosch»). In der Höhe kann man sogar den Mund fast in der Öffnung des «A» halten: der Trick besteht darin, die Zungen-Seiten nach oben leicht zu drücken – aber die Mitte und die Spitze der Zunge noch immer tief liegen zu lassen.

Bild und Klang kombiliert mit Laut/leise hier unten

9. Laut / leise

Laut singen ist relativ einfach – lauter werden aber nicht: man forciert leicht! Hierzu sollte immer die Klangfreude als Motivator benützt werden – «freut euch noch mehr! Jubelt!» dann erreicht man ein lockeres fff!

Leise singen birgt die Tücke, dass man die Tendenz hat, gleichzeitig tiefer zu werden. Leise singen sollte immer «spannungsvoll» (im Sinne von «Interessant» - weit von jeglicher «Ver-spannung») bleiben – als würde man ein wertvolles Geheimnis eindrücklich vermitteln wollen.

Bild     Klangbeispiel

10. Stütze?

«Man spricht nicht von Stütze» sagen einige Gesangspädagogen. Andere sagen, es ist, wenn man den Bauch nach aussen presst. Weitere sagen das Gegenteil … Wer hat recht?

Nach meiner Erfahrung ist Stütze ein natürlicher Vorgang beim lauter werden, der einige Muskeln im Körper benützt. Diese Muskel-Aktivität ist aber erstens «natürlich», zweitens (und konsequenterweise) elastisch (also nicht starr) und drittens an die Lautstärke angepasst. Es sind viele Muskeln beteiligt und in komplexer Weise, sodass eine genaue Erklärung (und Kontrolle von aussen) unmöglich ist. Deswegen scheitert auch oft das Unterrichten der «Stütze». Man kann sie nur «erfahren». Wann werdet ihr «normalerweise» laut? Beim Schimpfen? Beim Rufen? Beim Jubeln? Wenn man dies ziemlich lang tun kann, ohne nachher heiser zu sein, macht man dies auch mit «Stütze». Als Übung zum Entdecken des Vorgangs «Stütze» kann man versuchen, im Übungsraum solche Klänge zu reproduzieren (Rufen, Schimpfen usw.) und dabei seine körperliche Aktivität beobachten: Was machen dabei meine Bauchmuskeln? mein Brustbein? meine Flanken? …
 

11. Decken?

Für die Beherrschung der Höhe werden verschiedene Ausdrücke benützt. Das eine ist das «Decken». Andere Sprechen vom Heben des Gaumens. Weitere sprechen vom Klang an der Schädeldecke …

Physiologisch ist es so, dass die Stimmbänder und Teile der Kehle ihre Arbeitsweise ändern, sodass auch der Klang sich ändert. Es gibt dabei Tricks, die der Kehle den Übergang zur veränderten Arbeitsweise erleichtern. Der Begriff «Decken» berücksichtigt zwei Aspekte:

Der Klang verändert sich. Man hat den Eindruck, dass ein Teil des Klanges eher dunkler wird (eher der Grundklang), ein weiterer Teil des Klanges (Resonanz – Obertöne) eher heller und durchdringender. Um den Grundton dunkler zu «färben» wird gelegentlich empfohlen, anstelle von hellen Vokalen dunklere zu verwenden, also anstelle von «a» ein «o». Die Forschung der letzten 20 Jahren hat gezeigt, dass der richtige Vorgang nicht im Verdunkeln des Vokals liegt, sondern in der Mischung des Vokals mit einem «Schwa». Das «Schwa» [ə] ist phonetisch gesehen der Klang, den wir benützen, um ein Schluss «e» zu formen – ähnlich dem Klang, den wir benützen, wenn wir keine Antwort wissen, zögernd antworten usw.

Wenn Männer rufen, «decken» sie automatisch den Vokal … ganz wenig, aber effizient! («E-ho!»). Frauen benützen eher das «u» und brauchen da gar nicht zu decken!

In der Chorarbeit gehe ich nie auf die Punkte 10 und 11 ein, weil diese zu individuell zu behandeln sind. Jeder Sänger, jede Sängerin empfindet solche Elemente anders und soll sie auch individuell entdecken und pflegen.

 

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